« Robert Getchell tient la partie d’Orphée avec ferveur et douceur »

« Robert Getchell tient la partie d’Orphée avec ferveur et douceur »

« Sébastien Daucé nous fait vibrer dans l’interprétation des déchirants lamento et des parties chorales »

 

Der französische Alte Musik-Dirigent Sébastien Daucé könnte mittlerweile auch die Meisterwerke der europäischen Barockmusik, etwa von Monteverdi oder Händel, dirigieren, so hell leuchtet sein Stern. Doch Monsieur ist nicht nur durch und durch Franzose, sondern Liebhaber all der wenig zu Gehör gebrachten Werke aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert Frankreichs. Nach seinem gefeierten „Ballet royal de la nuit“, für das Daucé zusammen mit seinem Ensemble Correspondances ein für Ludwig XIV. konzipiertes Gesamtkunstwerk rekonstruiert hatte, ist er jetzt noch einmal ins Zeitalter des Sonnenkönigs zurückgekehrt. Um 1686 vertonte Marc-Antoine Charpentier als erster französischer Großmeister den Mythos von Orpheus und Eurydike. Im Gegensatz aber zu etwa Monteverdi kam kein abendfüllendes Spektakel, sondern mit „La descente d´Orphée aux enfers“ eher eine kleine Oper heraus. Auch auf das obligatorische Ende der Geschichte, bei dem Orpheus seine Eurydike zurückgegeben wird, hat Charpentier allem Anschein nach ebenfalls verzichtet. So klingt der 2. Akt mit einer von den Geistern getanzten „Sarabande légère“ aus.
Schon William Christie hatte sich bei seiner Einspielung von „La descente d´Orphée aux enfers“ vor rund 20 Jahren für die Annahme stark gemacht, dass Charpentier wohl noch einen dritten, leider verloren gegangenen Akt geschrieben hat. „Denkbar wäre aber auch, dass Charpentier diesen Schluss, bei dem der Mythos gewissermaßen in der Schwebe bleibt, genau so gewollt hat“, so der französische Barockexperte Thomas Laconte in seinem Booklettext zu Daucés Neueinspielung. Wie auch immer die Forschungsgeschichte um dieses Werk weitergeschrieben wird – Daucé hat mit seinen Musikern rund um ein handverlesenes Sängerensemble die bis heute als unerreicht geltende Christie-Aufnahme vielleicht um Haaresbreite überflügelt. Wenngleich der Grandseigneur auch mit äußerst erlesenen Klangströmen den Opernkomponisten Charpentier in Erinnerung rief, schwingt bei Daucé gerade in den herzzerreißend schönen Lamenti und Chorgesängen eben auch der damals so höchst einflussreiche Kirchenkomponist Charpentier mit. Wie kostbar diese gesamte Musik überhaupt ist, lassen nicht zuletzt Ausnahmesänger wie Countertenor Robert Getchell erfahren, der die Partie des Orphée mit einer solchen Innigkeit und Sanftmut und dann wieder so verzweifelt aufbrausend ausfüllt, dass zu Recht selbst die arg geplagten Höllenwesen Tantalus, Ixion und Tityos von seinem Gesang zu Tränen gerührt werden.

Guido Fischer, 26.08.2017

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